Predigt zur Eröffnung der Vaterunser-Ausstellung
im Dom zu Verden | 5. Juli 2020, 15.00 h

Regionalbischof Dr. Hans Christian Brandy, Stade


 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

„Noch heutiges Tags sauge ich an dem Vater Unser wie ein Kind, trinke und esse wie ein alter Mensch davon, kannnicht satt werden.“ Das, liebe Gemeinde, sagt der alte Martin Luther über das Vaterunser. Es ist für ihn eine niemals erschöpfende Quelle, von der man nicht satt werden kann.

Das Vaterunser: Das bekannteste Gebet überhaupt, das Grundgebet der Christen. Der eiserne Bestand sozusagen. Ja, vielleicht ist es auch ein „christlicher Restbestand in einer nachchristlichen Welt“, wie ein kluger Mensch (Ulrich Luz) geschrieben hat, schon vor beinahe 40 Jahren, das ist also gar nichts Neues. Aber immerhin, gut jeder zweite Deutsche kennt das Vaterunser auswendig. Im Vaterunser haben wir es mit dem bekanntesten Text-Stück aus dem Neuen Testament zu tun. Wer irgendwie mit christlichem Glauben in Kontakt ist, der kennt es, hat seine Erfahrungen damit.

Aber gerade, wenn man einen Text so sehr gut kennt, ihn so unendlich oft gesprochen hat, achtet man oft nicht mehr recht auf ihn. Jedenfalls mir geht das so.

Deshalb ist es gut und wichtig, sich mit diesem Gebet immer wieder neu auseinanderzusetzen, die einzelnen Bitten und Gedanken zu durchdenken, in sie „hineinzukriechen“. Genau das tut diese Ausstellung in inspirierender Weise. Ich spreche allen, die sie über zwei Jahre vorbereitet haben, Dank und großen Respekt aus. Ich finde eindrücklich, wie sie Verbindungen herstellen, wie sie Fragen stellen, wie sie aktuelle Bezüge entdecken. Mir scheint das beispielhaft zu sein: Anders können wir christlichen Glauben heute doch gar nicht leben, als dass wir die alten Aussagen des Glaubens – wie z.B. das Vaterunser – nehmen und für uns neu verstehen, hinterfragen, sie uns „zurechtlegen“. Das geschieht in dieser Ausstellung auf spannende Weise. Was ich gesehen habe, regt mich sehr an: Ich entdecke viele Neues. Stimme zu. Manchmal spüre ich auch Fragen oder Zurückhaltung. Denke weiter. Ich habe den Eindruck, genau das haben die „Macher“ gewollt: Das eigene Denken und Weiterdenken anzuregen. So wünsche ich der Ausstellung, dass sie für viele Besucher zu einer Inspiration und einem Segen wird.

Das Vaterunser. Es führt uns in die Mitter der Verkündigung Jesu, in die Mitte des Glaubens. Der Kirchenvater Tertullian hat gesagt: es ist eine „Kurzfassung des gesamten Evangeliums“. Und: Das Vater Unser ist das Gebet, das Jesus selbst uns gegeben hat. Da sind sich die Historiker ziemlich sicher. Wenn wir das Vaterunser beten, lesen wir beinahe von Jesu Lippen. Oder besser: Seine Worte führen unsere Lippen. Diese Worte führen uns in ihrer schlichten Schönheit und in ihrer schönen Schlichtheit unmittelbar in die Nähe Jesu. Deshalb kommen wir ihm nahe, wenn wir sein Gebet bedenken – und vor allem, wenn wir es beten.

In seiner knappen, schlichten Form ist das Vaterunser einzigartig, ein besonderes Geschenk von Jesus an die Christenheit. Zugleich steht Jesus, der Jude, damit aber in der Gemeinschaft des jüdischen Volkes. Im Judentum zur Zeit Jesu gab es eine lebendige Gebetspraxis. Jedenfalls zwei sehr verbreitete Gebete dieser Zeit weisen enge Parallelen zum Vaterunser auf: Man merkt deutlich, dass Jesus in dieser Gebetspraxis verwurzelt war. Das sollen wir nie vergessen: Immer, wenn wir das Vater Unser beten, leben wir eine geistliche Verwandtschaft mit unseren jüdischen Geschwistern.

Überhaupt ist das Eindrückliche am Vaterunser ja, dass es uns verbindet. Es heißt ja eben nicht „mein Vater“, sondern „unser Vater.“ Gebete verbinden uns. Das Tischgebet meiner Kindheit etwa verbindet mich bis heute mit meinen Eltern. Das Vaterunser aber verbindet mich mit einer großen weltweiten und ökumenischen Gemeinschaft. Wir beten es in allen Konfessionen, und deshalb ist es gut und wichtig, dass diese Ausstellung ökumenisch vorbereitet wurde. Ich finde es immer besonders eindrücklich, wenn bei internationalen ökumenischen Treffen das Vaterunser vielsprachig gebetet wird – jeder und jede in der eigenen Sprache. Jedes Vaterunser ist ein kleines, unscheinbares Pfingsterlebnis.

Als ich Anfang der Woche nachfragte, ob sich die Vorbereitungsgruppe für heute einen Schwerpunkt wünschte, kam prompt die Antwort, ich möge über die letzte Bitte sprechen: „Erlöse uns von dem Bösen“. „Hmm“, habe ich gedacht. „Ausgerechnet…“. Das ist nun nicht gerade ein Stimmungsaufheller für den Eröffnungsgottesdienst. Aber natürlich füge ich mich. Einmal, weil ich der Vorbereitungsgruppe, die trotz Corona das alles auf die Beine gestellt, nichts abschlagen mag. Und dann auch, weil diese Bitte bestens zum heutigen Sonntag passt. In der Epistel bei Paulus, über die heute in vielen Kirchen gepredigt wird, heißt es: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Da geht es also um unseren Beitrag dazu, dass das Böse sich nicht vermehrt. Wir können und sollen eine Menge dazu tun: „Überwinde das Böse mit Gutem!“ (Röm 12,21) Und aus der alten Josephsgeschichte wird heute der Satz gelesen: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen“ (Gen 50,20). Das hatte Joseph erfahren: Die Menschen hatten ihm böse mitgespielt, aber am Ende ist es gut geworden, hat Gott ihn vor dem Bösen bewahrt. Das ist die Erfahrung, die die Bibel immer wieder erzählt: Gott bewahrt Menschen vor dem Bösen. Und genau darum beten wir auch im Vaterunser: „Erlöse uns von dem Bösen.“

Das ist aktuell nicht nur wegen der Bibeltexte dieses Sonntags, das ist leider immer höchst aktuell. Das Böse ist immer aktuell, es ist allgegenwärtig. Die Vorbereitungsgruppe hat dazu Eindrückliches zusammengetragen: Der Papst erinnert an Hunger, an Weinen, an Leiden von Menschen. Natürlich fehlt auch das Corona-Virus nicht, das von heute auf morgen Tod und Leiden über die gesamte Welt gebracht hat. Die Wirklichkeit und die Mächtigkeit des Bösen – vermutlich hätte keiner von uns Mühe, dazu eine eigene Ausstellung auf die Beine zu stellen. Rassismus zeigt neu seine hässliche Fratze. Ein offenbar ungeheuer großes Netzwerk von Menschen, die Kindesmissbrauch und Kinderpornographie betreiben, wurde gerade aufgedeckt. Politiker, in den USA, in Brasilien etwa, gefährden und vernichten aus Eigensucht und Dummheit in der Corona-Krise das Leben vieler Menschen ... Ach ich halte ein. „Erlöse uns von dem Bösen!“

Sehr wichtig finde ich aber den Gedanken, den die Ausstellung durch ein Zitat von Alexander Solschenizyn deutlich macht: „Der Strich, der das Gute vom Bösen trennt, durchkreuzt das Herz eines jeden Menschen.“ Das Böse, das sind nicht nur die anderen, das ist nicht nur außen. Das Böse ist auch in mir. Das zu entdecken ist oft besonders erschreckend. „Erlöse mich, von dem Bösen!“

Nicht aufhalten will ich uns mit der Frage, worauf sich die Bitte eigentlich genau bezieht. Auf „das Böse“ oder auf „den Bösen“, also eine Person, so etwas wie den Teufel. Der Urtext macht beides möglich, und die Christenheit hat beides darin gelesen bis heute. Was aber doch deutlich ist, dass wir jedenfalls Verkörperungen des Bösen in einzelnen Personen kennen, in der Vergangenheit und leider auch in der Gegenwart. „Erlöse uns von dem Bösen!“

Martin Luther jedenfalls hat an das Böse gedacht in seiner Auslegung, die auch in der Ausstellung nachzulesen ist: „Wir bitten in diesem Gebet, dass uns der Vater im Himmel vom Bösen und allem Übel an Leib und Seele, Gut und Ehre erlöse und zuletzt, wenn unser Stündlein kommt, ein seliges Ende beschere und mit Gnaden von diesem Jammertal zu sich nehme in den Himmel.“

„Erlöse uns von dem Bösen.“ Ein Gebet. Keine Erklärung. Keine Theorie des Bösen. Trotzdem bricht die Frage natürlich immer wieder auf: Wenn wir Tag für Tag um Erlösung von dem Bösen bitten – warum setzt es den Menschen dann immer noch so zu? Warum nimmt Gott das Böse nicht weg, wenn er es denn kann – eine der ältesten und schwierigsten Fragen. Es gibt darauf keine theoretische Antwort. Vielen Menschen macht genau diese Frage das Glauben an einen guten Gott schwer: Warum lässt dieser gute Gott so viel Böses zu? Diese Frage kann ein „Fels des Atheismus“ sein, hat Georg Büchner gesagt.

Ein zu harmloses, ein zu „liebes“ Bild von Gott hält der Wirklichkeit nicht Stand. Gott ohne das Böse und das Böse ohne Gott zu denken, das ist zu kurz gedacht. Deshalb steht das Böse auch im Vaterunser. Unsere Wirklichkeit ist nun einmal so.

Ich will eine Geschichte dazu erzählen, die von Elie Wiesel stammt, dem Friedensnobelpreisträger, der seine Familie im Holocaust verloren hat und selber dem Tod im KZ nur knapp entronnen ist.

Elie Wiesel traf in einem Konzentrationslager einen Talmud-Lehrer. Sie studierten während der Arbeit Talmud und Midrasch, die jüdische Überlieferung, aus dem Gedächtnis. Eines Nachts rief der ältere Lehrer den jungen Wiesel und zwei weitere Rabbiner an sein Bett. So trafen sie sich nachts mitten in diesem Lager. Sie beriefen ein rabbinisches Tribunal ein und „beschlossen, Gott anzuklagen, in angemessener, korrekter Form, wie es ein richtiges rabbinisches Tribunal tun soll, mit Zeugen und Argumenten“. Jüdisch – so Wiesel – sei das möglich, Gott anzuklagen. Sie hielten ihm das entsetzliche Leiden der jüdischen Menschen vor, denen Gott nicht half. „Die Verhandlungen zogen sich lange hin. Und schließlich verkündete mein Lehrer, der Vorsitzender des Tribunals war, das Urteil: Schuldig. Und dann herrschte Schweigen – ein ... endloses, ewiges Schweigen. Aber schließlich sagte mein Lehrer, der Rabbi: Und nun, meine Freunde, lasst uns gehen und beten. Und wir beteten zu Gott, der gerade wenige Minuten vorher von seinen Kindern für schuldig erklärt worden war.“

Mich beeindruckt diese Geschichte sehr, denn in ihrer ganzen unauflöslichen Spannung macht sie deutlich, dass wir mit dieser Frage nach Gott und dem Bösen nie fertig werden. Und auch die Geschichte gibt keine Erklärung, aber sie zeigt, wie Menschen doch immer wieder im Gebet Halt und Hoffnung finden.

Genau das geschieht auch im Vaterunser. Wie große die Not auch ist, wie sehr das Böse auch nach uns greifen will - wir stehen dem Bösen niemals allein gegenüber und nicht ohne Hoffnung. „Erlöse uns von dem Bösen“ - Das ermutigt uns Jesus zu sagen. Und zwar zu Gott, der uns ein liebender Vater ist – und ich ergänze: eine liebende Mutter.

Deshalb ist es gut, dass das Vaterunser eine eiserne Wegzehrung ist. Jesus lässt uns „Vater“ zu Gott sagen, so wie es die Juden auch getan haben. Das „Vater unser“ - es ist das Gebet der Kinder Gottes. „Vater unser“ – diese Anrede ist in sich schon „ein Stück Heilszusage“ (Luz). Jesus lässt uns so beten, der selbst Gott immer wieder als Vater angesprochen hat. Jesus aber auch, der das Böse selbst erfahren, bis hin zum Kreuz, und der es zugleich überwunden hat in seiner Auferstehung. Durch ihn ist sie schon wahr geworden, die Erlösung vom Bösen. In Kreuz und Auferstehung Jesu ist das Böse bereits überwunden. Deshalb haben wir Grund, uns immer wieder im Gebet an Gott festzuhalten. Manchmal in der Klage oder gar Anklage, wie Elie Wiesel erzählt. Vor allem aber in der vertrauensvollen Bitte der Kinder Gottes. Noch ist das Böse da. Aber ich stehe ihm nicht allein gegenüber, sondern kann mich ins Gebet flüchten und von diesem Gebet tragen lassen: „Erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein, Gott, ist das Reich und die Macht und Herrlichkeit“.